WALKING ON RIVERS

+ LIN

© Jonas Wenz
WALKING ON RIVERS
€16.10 *  one-way plus system fee: €1.00 *

Prices incl. VAT plus shipping costs

  • Monday, 27 June 2022
  • Maschinenhaus
  • 19:00
  • 20:00

Veranstalter: Trinity Music

Time To LoIndie-Folk-Band aus Dortmund mit drei neuen Deutschland-Terminen im Juni... more

Time To Lose Control Tour

Time To LoIndie-Folk-Band aus Dortmund mit drei neuen Deutschland-Terminen im Juni

Pandemie-freundliche Shows in Hamburg, Berlin und Köln

Das Indie-Folk-Trio setzt auf den Konzertsommer 2021 und kündigt drei Pandemiefreundliche
Shows in Hamburg, Berlin und Köln an!

Es brodelt etwas in diesen sechs Liedern. OK, das ahnt man vielleicht schon, wenn
man den Titel ›Time To Lose Control‹ liest. Aber trotzdem: Waren Walking On Rivers
nicht diese melodische Indie-Folk-Band aus Dortmund, die bei so manchem Open-Air
den perfekten Song für den Sonnenuntergang parat hatte? Die kaum mehr brauchte
als ihre zugänglichen, hochmelodischen Songs und den weichen Gesang von David
Laudage? Was ja schon eine ganze Menge ist – zugegeben, dennoch: Von den ersten
Sekunden dieser EP an spürt man, dass bei Walking On Rivers in letzter Zeit eine
Menge passiert ist. Man hört, dass diese immer noch zugänglichen,
hochmelodischen Songs auf eine Weise schillern, die neu ist.

Man spürt, dass unter der feinen Produktion und den verspielten Effekten eine Spannung herrscht, die man
beim ersten Durchhören vor lauter Melodiebesoffenheit übersieht, bis dann die Lyrics
ankommen. Man erkennt die Zweifel, die in diesen Texten erst seziert – und dann mit
einem selbstbewussten Refrain verdroschen werden.

Ein Einstieg, der zur Frage führt: Was’n da los? David Laudage lacht und erklärt den
Titel und die Stimmung so: »Das letzte Jahr war eines, in dem viele aus unserem
Umfeld sagten: ‚Is doch alles scheiße mit der Musik, mach‘ ich doch lieber was
Gescheites.‘ Das brachte auch uns als Band zu der Frage: Wo wollen wir eigentlich
hin?« Und diese Frage beschäftigte sie eine Weile. Nicht, weil es ihnen an Zuspruch
fehlte. Eher im Gegenteil: Sie waren in den letzten Jahren gut auf Festivals und
eigenen Touren in ganz Deutschland unterwegs, gelten als nimmermüde und stets
mitreißende Indie-Folk-Band und sammelten mit jeder Show ein paar Fans mehr ein.
Aber dann gab es eben doch ein paar Verluste in der Besetzung zu vermelden.

Freunde, die nun am Ende ihres Studiums eher auf Familie setzten. Der normale Lauf
der Dinge, aber für David Laudage (Bassist, Hauptsänger und Songwriter), Martin
Kreuzer (Drums und vieles anderes) und Borsti Pieper (Gitarre, Co-Produktion und
vieles anderes) – eben auch eine gute Gelegenheit für eine ehrliche
Bestandsaufnahme. »Uns brachte das letzte Jahr an einen Punkt, uns dieser Frage
zu stellen«, erklärt David. Dann lächelt er kurz und sagt: »Die Antwort hat uns gut
gefallen. Da war so eine Art trotzige Euphorie, auf die dann eine sehr kreative Phase
folgte.« So sei auch der Titel zu verstehen. In einer Zeit, in der es »vernünftig«
erscheint, die Lehrerkarriere oder ähnliches einzuschlagen, sagte die Drei sich: »Fuck
it, it’s time to lose control.« David meint: »Die Kontrolle abgeben, voll eintauchen in
das Musikmachen und gucken, was passiert – das reizt uns mehr denn je. Überhaupt
war Musik das, was mich im letzten Jahr durchgebracht hat. Und wenn das die
Konstante im Leben ist, in einer Phase, in der sonst fast alles wegbricht, dann lohnt
es sich, auch den Mut zu finden, da drauf zu setzen.« Das alles schlummert schon im
Opener ›Overachiever‹. Ein schillernd produzierter Song. Hymnisch,
getragen – aber mit Wumms. Mäandernd zwischen dem
atmosphärischen Gitarrensound, den man mit ihnen verbindet und
einem Pop-Glanz, der sich auch in geschmackvollen Radio- Playlists
gut macht. Vor allem der Refrain beißt sich fest, wenn David singt: »You call me
overachiever, but I’m a master believer.« David Laudage erklärt: »Immer, wenn mir
eine*r sagte: ‚Mach eine Ausbildung‘ oder ‚Setz auf ein Referendariat‘, habe ich mich
mehr in das Musikmachen eingegraben und da viel Arbeit und Herzblut reingesteckt.
Da bin ich ‚Overachiever‘. Sich diese Einstellung gerade jetzt zu bewahren – da
braucht es dann eben einen festen Glauben an das, was man künstlerisch macht.«
Diesen Glauben hört man der gesamten Band an. Und es tut den Songs mehr als gut,
dass man zusammen entschieden hat, auch mal die Zeit im Studio zu nutzen. Mit
dem Produzenten Sven Ludwig an ihrer Seite – der zum Beispiel mit OK Kid, Xul Zolar
und Lina Maly arbeitete – fanden Walking On Rivers einen Sound, der ihre Roots
erkennen lässt und zugleich weit darüber hinausweist. Als Referenzen fallen einem
noch immer My Morning Jacket oder City And Colour ein, doch Walking On Rivers
passen eher zum neuen Schwung im Indie-Game, der von Acts wie den Giant Rooks
befeuert wird. Aber wie das immer so ist mit diesen Referenzen: Sie sind kaum mehr
als eine Krücke, weil sie bei guten Bands eben nie so recht passen. Zu ›Stay In The
Box‹, zweiter Song und zweite Single zugleich, könnte man zum Beispiel sagen, da
schwinge am Anfang viel vom großen Folk der späten 60er und frühen 70er mit. Neil
Young zu seinen ›Harvest‹-Zeiten, Crosby, Stills and Nash, Simon & Garfunkel – alles
Platten, die sich David schon als Jugendlicher gerne von seinen Eltern borgte. Aber
dann poliert die Band immer wieder ein wenig nach – und nach einer Minute ist da
plötzlich auch ein Vocal-Sample-Wabern, der Bass wird gar für ein paar Pulsschläge
funky, und man fragt sich: Äh, klingt wie? Tja, nun: Walking On Rivers. David Laudage
erklärt die Bedeutung des Songs so: »‘Stay in the Box‘ hat eher eine gesellschaftliche
Note für mich. Die meisten Menschen in diesem Land, und wir drei selbst auch,
genießen einen gewissen Wohlstand, den wir alle mit unserem Lebensstil zelebrieren.
Aber dabei verdrängen wir immer, dass das das eigentlich nur so funktioniert, wenn
jeder in seiner kleinen Schublade bleibt, in die er meistens reingeboren wurde. Man
weiß das, ist aber halt auch nicht bereit, das aufzubrechen, damit vielleicht einfach
mal alle eine gute Zeit haben können.«

Song Nummer drei, ›Selfmade Delusion‹, schlägt lyrisch in die gleiche Kerbe. Hier
singt David mit dieser Stimme, bei der manch einer kurz an die Fleet Foxes denken
mag: »We’ve lost our minds / We’ve doomed this place / Until we break the bar it’s far
too late / We love to deny our arrogance / fake the innocence right before our eyes /
We love to rely on ignorance / Burn the evidence / let’s keep up the grind.« Wenn man
diese Zeilen so liest, dann könnte man sie sich auch gut in einem wütend gebrüllten
Hardcore-Song vorstellen. Was vielleicht gar nicht so abwegig ist, denn David
Laudage, Martin Kreuzer und Borsti Pieper sind in ihrer früher Jugend allesamt mit
eher härteren Klängen sozialisiert worden. David war zum Beispiel seit seinem 16.
Lebensjahr Drummer in der mittlerweile aufgelösten Hardcore Band Gone To Waste
und fand zuerst nebenbei unter dem Namen Walking On Rivers zur eigenen Stimme
und zur Gitarre – die er später gegen den Bass eintauschte, als sich eine Band unter
dem Namen formte. Als Hommage an die Hardcore-Band, in der auch sein Bruder
spielte, schrieb David 2018 für Walking On Rivers einen Song, der den
Namen ›Gone To Waste‹ trägt. Aus dieser Zeit und aus dieser Szene
haben sich David und seine Bandkollegen den aktivistischen
Anspruch ein wenig bewahrt. Auf Konzerten von Walking On Rivers
findet man oft Info-Stände befreundeter Initiativen, und als der erste Lockdown kam
im letzten Jahr organisierten sie mal eben ein Online-Konzert mit befreundeten
Bands aus Deutschland und Luxemburg und sammelten damit Spenden für soziale
Projekte. David erzählt: »Dieses unterschwellig gesellschaftskritische in den Lyrics
gefällt uns gut und ich glaube, das habe ich aus dem Hardcore-Punk mitgenommen.
Weil es da nie einfach immer nur um die Musik ging, sondern die Message oft sogar
wichtiger war.«

Mit dieser EP bringen sie nun zusammen, was gut zusammengehört: Simples,
kraftvolles Songwriting, das den Lagerfeuer-Test besteht, als Rückgrat. Texte, die mit
wohl gesetzten Worten spannende Gedanken und Gefühle triggern. Die Spielfreude,
die man von Walking On Rivers und ihren Konzerten kennt. Und eine neu entdeckte
Abenteuerlust, die drauf scheißt, ob man jetzt Pop oder Indie oder Folk oder sonst
was ist. Dass dabei alles ganz schlüssig klingt, liegt dann wohl auch an Produzent
Sven Ludwig und an Jochen Naaf, der den finalen Mix verantwortet – beide kennen
sich aus mit eigenständiger Popmusik, die auch mal ins Radio drängen will.
Das hört man vor allem bei ›Feeling In My Bones‹, das mit seinem atmosphärischen
Keyboardsound, seinem straffen Drumbeat, dem verhallten, wunderschönen Refrain
und den manchmal psychedelisch reinsägenden Gitarren gleich mehrere Schubladen
aufmacht – und das man sich zugleich als knackigen EDM-Remix vorstellen könnte
oder als herzhaft auf zwei Akustikgitarren geschrubbte Akustikversion, die mit
stampfendem Fuß als unverstärkte Zugabe serviert wird. Der vorletzte Song ›In Vain‹
ist ein ähnlich vielseitiger Bastard im besten Wortsinn, mit einem vertrackten
Rhythmus und einem völlig überraschenden Vocal-Break, der klingt als wolle man
sich kurz mal als Pop-Act für das Jahr 2059 empfehlen, bevor man dann in der
Jetztzeit als Walking On Rivers weitermacht.
Das passende Finale von ›Time To Lose Control‹ ist der Titeltrack, dessen Anfang an
Kanyes ›Runaway‹ erinnert, bevor man dann Schicht für Schicht, Coldplay-Style,
einen majestätischen Popsong aufbaut, bei dem David Laudage am Ende gegen fette
Background-Stimmen und die ganzen Instrumentenklaviatur ansingt: »I’ll take the
risk to lose it all.« Man hört es und denkt schon gleich: Nö, Leute. Mit diesen Songs
könnt ihr nur gewinnen.

Viewed